Freitag, 14. Dezember 2012

Hello from Pavel!


Heute vor einer Woche hatten Bettina und ich es nach der Arbeit ein bisschen eiliger, nach Hause zu kommen. Dort angekommen wurde nochmal schnell unter die Dusche gesprungen und dann ging es auch schon wieder mit Ruck- und Schlafsack los. Wohin? Nach Moskau! 
Oder erst einmal zum Bahnhof. In der Metro wurde ein jung er Mann auf uns aufmerksam. Na gut, das alleine ist ja nichts Besonderes. Ich meine, wer guckt nicht bei drei gackernden Deutschen mit Weihnachtsmannmütze und beladen mit Schlafsäcken und Kissen? Skeptische oder belustigte Blicke sind wir schon gewohnt, wenn wir zu dritt unterwegs sind, aber angesprochen werden wir nicht jedes Mal und genau das tat der Mann: „ Sorry, but it’s Friday and I’m not very clean.“ Er deutete auf seine Bierdose. . .
So ging das Gespräch, das leider nur zwei Metrostationen dauerte, dann weiter.
Wir erklärten, was wir hier machten und er belehrte uns, dass es von Anfang September bis Ende August niemals ein Jahr sei, sondern gerade mal 10 Monate (weiter reichten seine Finger wahrscheinlich nicht), also ein HALBES Jahr sei. Auch wenn wir uns in diesem Punkt nicht einigen konnten, gaben wir ihm das Versprechen, Moskau von ihm zu grüßen, was wir dann auch am nächsten Tag auf dem Roten Platz perfekt synchron taten: „Hello from Pavel!“

Aber halt, so weit war ich ja noch gar nicht. Zunächst einmal trafen wir uns mit den anderen (wir waren 13 russische und deutsche Freiwillige) am Bahnhof und eine Stunde später rollte unser Nachtzug dann wirklich von St. Petersburg ab, auf in ein wundervolles Wochenende mit tollen Leuten
Die Fahrt im Nachtzug ging viel zu schnell vorbei, auch wenn ich so gut wie gar nicht schlief.
Aber das leise Rattern und sanfte Ruckeln des Zuges, leises Schnarchen und Tuscheln, mein – abgesehen davon, dass es furchtbar schmal und kurz war und mir alle Leute leid taten, die einen Kopf größer waren als ich – doch ganz gemütliches Bett und die russische Schneelandschaft, die am Fenster vorbeijagte; das alles war irgendwie so wunderbar neu und aufregend. Auch die Kekse (wie das Reisen so an sich haben) schmeckten mindestens doppelt so gut wie sonst, gewürzt mit ein bisschen Abenteuerlust, Fernweh und Kitschfilmromantik :P

In Moskau (gegen sechs) angekommen bezogen wir zuerst unser Quartier, ein Klassenzimmer in einer Waldorfschule, und krochen alle nochmal in unsere Schlafsäcke. Um halb 11 fühlten wir uns dann wieder fit genug, um uns ins Moskauer Stadtleben zu stürzen.
Moskau ist doch ein bisschen anders als St. Petersburg:
Schon einmal angefangen bei der Metro. In St. Petersburg ist jede Station wie ein kleiner unterirdischer Palast. Die Metrostationen in Moskau sind weniger glanzvoll, aber dafür noch größer.
Das Metronetz von St. Petersburg ist ganz klar und übersichtlich, der Metroplan von Moskau sieht dagegen aus wie ein großer bunter Flickenteppich und das gilt auch an der Oberfläche.
Jetzt wo ich Moskau mit seinen krummen, verwinkelteren Straßen und Wegen und den grauen Hochhausblöcken zwischen den bunteren alten Häusern  gesehen habe, fällt mir erst so richtig auf, das St. Petersburg wirklich eine geplante Stadt ist mit seinen geraden, gleichmäßigen Fassaden, wo ein Haus ordentlich neben dem anderen steht.
Ich finde: Piter ist schöner, Moskau überraschender!

Wo genau wir überall waren, kann ich gar nicht sagen. Auf dem Roten Platz… aber bei der großen bunten Kirche hört‘s auch schon auf. Keine Ahnung wie die hieß, aber eins weiß ich: wir hatten eine Menge SPASS!
Davon könnt ihr euch gerne selbst überzeugen:







Traktorwettrennen

Mülltrennung?
Seid ihr sicher, dass wir noch in Russland sind?!



Kasimir von Blauto & Karo Karowa










Dieses Autobild haben Bettina und Sophie
für mich gemacht. Ich hab mich gar nicht
getraut hinzugucken. Aber es ist alles glatt
 gelaufen und ich musste
NICHT in die kalte Moskwa springen.




Bei DER Rutsche waren wir
natürlich nicht mehr zu halten ;)
Na, was ist das?
Richtig, ein Weihnachtsbaum!
Oder so etwas in der Art. . .

Juchuu! Mal wieder ein Spiegelbild!!!

Ein Zahnputzbild darf natürlich auch nicht fehlen



Und das Beste zum Schluss:
Wir wurden auf dem Roten Platz von zwei Studentinnen gefragt, ob wir für sie einmal kurz tanzen könnten – na klar! Das ist am Ende dann dabei herausgekommen:

Sonntagabend ging es dann wieder mit dem Nachtzug zurück. Pünktlich früh um 07:00 kamen wir am nächsten Morgen dann wieder in St. Petersburg an, also genau rechtzeitig, um zur Arbeit zu gehen :D

Dienstag, 4. Dezember 2012

Aus dem Soundtrack zu meinem Leben

"Mariage d' Amour" von Chopin - dieses Lied läuft zur Zeit im Spielzimmer rauf und runter.
Valia meinte, dieses Lied sagt immer: "Alles wird gut. Ist doch alles gar nicht so schlimm." und ich finde sie hat recht. Es IST ja auch alles gut. Sehr gut sogar. Ich sitze mit Maxim auf dem Teppich im Spielzimmer und wir albern ein bisschen herum. Er macht ein Geräusch, schnalzt mit der Zunge und ich ahme es nach. Er lacht und macht ein Neues. Er fasst mir ins Gesicht und ich stupse gegen seine Nase. Er lacht und seine schokobraunen Augen leuchten richtig. Ich puste ihm ins Gesicht. Er klatscht. Ich antworte. Wir klatschen abwechselnd. Immer schneller. Ich kitzel ihn bis wir lachend umfallen. . .

Sonntag, 2. Dezember 2012

Wir sagen euch an den lieben Advent...


Dieses Jahr werde ich die Weihnachtszeit wohl von einer ganz neuen Seite entdecken. . .
Unser Adventskranz
die Kerzen kommen noch!
1300 km von Zuhause noch dazu in einem Land, in dem Weihnachten so ganz anders (z.B. knapp 2 Wochen später) gefeiert wird, wird mir zum ersten Mal so richtig bewusst, an wie viele schöne Traditionen ich mich schon gewöhnt hatte.
17x hieß es für mich „alle Jahre wieder“ - und jetzt?
Dieses Jahr wird Weihnachten wohl ein bisschen anders. . .
Zum Beispiel werde ich wahrscheinlich am 24. und 26. wie alle Russen arbeiten gehen (am 25. habe ich frei, um mein schönstes Weihnachtsgeschenk vom Flughafen abzuholen) und einen echten Weihnachtbaum wird es auch nicht geben, geschweige denn ein Weihnachtszimmer, dass den ganzen Tag hinter einer verschlossenen Tür auf seinen großen Moment am Heiligen Abend wartet.
Aber wirklich traurig bin ich deshalb nicht.
Alles ist zwar ein bisschen improvisiert, aber dafür erlebe ich es irgendwie viel intensiver. Vielleicht weil es weniger „selbstverständlich“ ist. Ich mache nichts, weil es „eben dazugehört“, sondern weil ich ganz bewusst entschieden habe, dass ich das so auch hier in Russland machen möchte.
Ich freue mich auf Weihnachten – das ist wie jedes Jahr! Und diesmal genau genommen sogar auf ein Weihnachten im Doppelpack ;)
Jetzt endlich zu meiner Überschrift:
Ohne dieses Lied wollte ich meine Adventszeit auch nicht einläuten. Deshalb sind Bettina und Ich heute wieder zum deutsch-evangelischen Gottesdienst in die Petrikirche gegangen. Nach einem kurzen Schreckensmoment, weil das Lied nicht auf der Liedtafel angeschlagen war, war es doch wie erhofft das erste Lied, das beim Anzünden der ersten Kerze am Adventskranz gesungen wurde.
Aber auch sonst hat sich der Besuch in der Kirche auf jeden Fall gelohnt:
Zum einen weil ich schon immer Mal sehen wollte, wie in einer evangelischen kirche abendmahl gefeiert wird  und zum anderen wegen dem Pfarrer. Das ist schon ein lustiger Kerl, nicht nur, dass er uns beim Auszug wie ein Honigkuchenpferd grinsend und mit nach oben gestreckten Daumen einen fröhlichen ersten Advent wünschte. . .
Als er uns am Ausgang mit einem „Tschüß! Einen schönen Advent euch beiden!“ verabschiedete und ich mit „ Tschüß! Danke, ebenso.“ Antwortete, fragte er erstaunt „Ihr seid Deutsche?“ und nachdem wir erzählt hatten, wo wir herkamen und was wir hier in Russland suchten, wollte er uns nicht so schnell gehen lassen.
Also blieben wir zum Tee trinken und redeten noch ein bisschen (oder noch ein bisschen mehr. . .) über die Gemeinde, unsere Arbeit, russische Geschichte und das Sozialwesen und er ließ es sich auch nicht nehmen, uns noch in die Katakomben zu führen, und uns die Spuren zu zeigen, die noch verraten, dass die Kirche einmal zweckentfremdet und als Schwimmbad genutzt worden war.
Eine Stunde später verließen traten wir dann wieder vor die Türen, wo uns herrlich klare Luft und die Sonne empfing. Also beschlossen wir spontan nach Hause zu laufen. Wir stöberten noch ein bisschen in unserem Lieblingsladen und wurden beide fündig, womit mein Vorsatz, an einem Sonntag keinen Laden zu betreten,  dann wohl gebrochen wäre. . . aber mein neuer blauer Freund ist einfach zu süß!
Und dann ging es an der Eremitage vorbei und die Newa (wo sonst?) entlang nach Hause.
Eine wunderschöne Schneewanderung, auch wenn uns am Ende doch der Magen auf den Knien hing und unsere Füße durch Eisklumpen ersetzt worden waren. 

Dieses Foto ist für alle, 
die schon so lange
auf Horrorgeschichten vom 
bitteren russischen Winter 
warten und die ich bisher
immer enttäuschen musste :D
























Spurenlesen:
da ist wohl aus
einem Vogel eine Betina
geworden, oder so. . .

















Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht. . .
die Newa!
Umso besser schmeckte danach aber der herrlich heiße Grießbrei (mit Banane und einfach himmlischer Himbeermarmelade) und unsere Münder strahlten mit unseren roten Nasen um die Wette!
Der Adventskranz und die Weihnachtsmusik machte die Adventsstimmung perfekt.
So, jetzt geht’s aber endlich ans Geschenkebasteln!

Adventskaffee


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Welche Überraschungen manchmal in einem Schrank (oder einer Wand) schlummern…

Die letzten zwei Arbeitswochen waren einfach wunderschön!
Wenn ich so über meine Arbeit nachdenke, dann merke ich, wie sehr sie mir in den vergangenen Wochen ans Herz gewachsen ist. Jetzt noch einfach so aufzuhören ist undenkbar!
Sicher, ab und zu gibt es mal einen Tag an dem ich ziemlich müde bin und mein Kopf sich am Abend anfühlt, als ob er gleich platzen würde, aber diese Tage werden immer seltener. Inzwischen geht mir die Arbeit viel schneller und leichte von der Hand und ich merke, dass mich die langen Arbeitstage bei Weitem nicht mehr so schaffen.
Und wenn ich „meine“ Kinder sehe, dann fällt mir nun zu jedem kleinen Gesicht eine gemeinsame Geschichte ein. Daran, dass sie alle irgendeine Behinderung haben, denke ich dagegen gar nicht mehr und ich habe keine Angst mehr, mit ihnen auch zu toben. Wenn sie lachen, weinen, mir einen süßen nassen Kuss auf die Wange drücken, wütend sind, spielen oder vor dem Spiegel Grimassen schneiden, sind sie einfach „nur“ Kinder.
Letzten Dienstag haben wir alle zusammen einen Ausflug gemacht. Schon auf der Fahrt in dem kleinen Sonderbus wurden die Augen vor Staunen ganz groß und noch ein bisschen größer als wir im Museum ankamen. In nur einem Ausstellungsraum spazierten wir zwischen einem Dutzend alter Schränke und Kommoden entdeckten wir eine ganze fantasie-, farben- und liebevolle Welt.
Auf Morgen bin ich auch schon gespannt! Bettina und ich haben uns nämlich gemeinsam einen Adventskalender für die Kinder ausgedacht. Allerdings haben wir die Form ein bisschen abgewandelt. Weil man in Russland ja eigentlich Adventskalender gar nicht kennt und die Kinder auch nicht viel damit anfangen könnten, wenn sie plötzlich jeden Tag ein Türchen öffnen könnten und etwas wegnehmen dürften, haben wir uns folgendes überlegt:
Wir haben einen großen Tannenbaum aus Papier gebastelt und an die Wand im Spielzimmer geklebt. Bis zu den Weihnachtsferien werden wir nun beim Morgenkreis eine Christbaumkugel, einen Stern oder Engel mehr an den Baum kleben und so wird es jeden Tag ein bisschen mehr Weihnachten bei uns.
Beschreiben kann man das eigentlich schlecht. Ich werde bei Gelegenheit einfach mal unsere Kunsttherapeutin nach den Fotos vom Ausflug fragen, dann könnt ihrs selbst sehen.
Sonst ist eigentlich alles wie immer.

Ach ja, nach so kleinen Kataströphchen wie 2 kaputten Trinkgläsern (wenn man nur 4 Gläser hatte, ist das durchaus ein mittelschweres Luxusproblem) und einer kaputten Klohspülung haben wir uns endlich mal wieder etwas Größeres (von dem wir auch noch lange etwas haben werden) gegönnt:
einen Wasserschaden im Flur und Bettinas Zimmer…
Ok, ganz so lustig ist das leider nicht, aber Ärgern macht die Wand auch nicht trockener und von einem Lachen hat man wenigstens noch etwas :D

Samstag, 17. November 2012

Schatzsuche

Ein kleines bisschen Chaos
In St. Petersburg ist es zwar im Moment wärmer als in Deutschland, aber leider ist es draußen ziemlich grau und nass. Also verbrachten wir den Samstagnachmittag in der Wohnung.
Eigentlich wollten wir ja nur schnell einen Lampenschirm im Flur anbringen. . .
aber irgendwie packte uns dann die Abendteuerlust - oder war es die Langeweile oder die ich-hab-eig-keine-Lust-zum-Russisch-lernen-oder-Karten-schreiben-Laune? Naja, jedenfalls wollten wir plötzlich etwas ganz wagemutiges tun und holten von dem Brett über dem Eingangsbereich ein paar große Platiktüten und Müllsäcke herunter.
Aus einer Menge Müll, der sich dort im Laufe der Generationen von Freiwilligen angesammelt hatte, fischten wir sogar ein paar echte Schätze. Zwar klebten unsere Hände bald schon vom Staub, aber dafür freuten wir uns riesig über de bunte Mischung die am Ende vor uns auf dem Boden lag:
Gleich nochmal Staub gewischt!
Räucherstäbchen, Wunderkerzen, eine rote Christbaumkugel, eine zweite Gardine für mein Zimmer, zwei bemerkenswert kitschige Engel, ein  großer Stapel Postkarten, ein Plan der Moskauer Metro, Stadtführer durch St. Petersburg und Helsinki, eine schwere Schachtel voller Kleingeld, Bettwäsche, Leuchtsterne, ein kaputter nachtblauer Regenschirm, ein Schreibblock nur die ersten Seiten gefüllt mit dem WG-Leben unserer Vorgänger (der kam wie  gerufen,weil unser Block in der Küche schon voll war), Hanteln, jede Menge englische Songtexte (leider ohne Akkorde), drei  Notenhefte für die Geige (warten schon in meinem Zimmer darauf  mal gespielt zu werden), eine russische Bibel, eine Eisenstange (die  wir gleich an der Küchenwand angebracht und schon mal die  Weihnachtsbaumkugel und eine rote Glocke drangebaumelt  haben), ein Geschenkesack für Weihnachten, ein roter  Nikolausstiefel, Tapetenkleister, ein Porzellanosterei mit Blümchenmuster und ein gemalter "Haseneselmensch" unter dem eine E-Mail-Adresse notiert war und (ihr ahnt es vielleicht schon) wir haben es uns natürlich nicht nehmen lassen, einer gewissen Steffi gleich mal zu schreiben :D

Da musste ich doch gleich an dich denken!

Freitag, 16. November 2012

Bunter Salat

Ich bin jetzt schon etwas länger hier, dass merkt man wohl auch an meinem Blog. Vieles, was vorher Stoff für ellenlange Blogeinträge geliefert hätte, ist jetzt kaum noch nennenswert. In den letzten Tagen habe ich euch aber einiges vorenthalten, wovon ich euch doch noch kurz erzählen möchte.
Los geht's!

Samstag vor nun schon fast zwei Wochen waren wir mit den anderen Freiwilligen in der Eremitage, die ja wohl Pflichtprogramm für jeden Touristen ist und wo es selbst für jeden St. Petersburger auch nach dem 100. Besuch noch Neues zu entdecken gibt.
Das größte Kunstmuseum der Welt ist mit den vielen Räumen, die voller Kunstschätze, Farben und Gold sind, schon irgendwie beeindruckend, aber für meinen Geschmack auch furchtbar kitschig. . .
Naja,seht einfach selbst:

Die größte Vase der Welt -
wurde uns
zumindestens erzählt. . .


aber vielleicht war es
auch diese hier. . .
Dann hier zu bewundern:
die größte grüne Vase der Welt
oder so. . .
 Spieglein, Spieglein an der Wand. . .

Es gibt Menschen, die fotografieren
furchtbare Ölgemälde,
andere freuen sich lieber über Werbung :D
Also in diesem Saal würde ich schon
gerne mal einen Wiener Walzer tanzen


eine Uhr :)


















Letzten Sonntag haben Bettina und ich uns dann endlich mal aufgerafft und haben zum ersten Mal in Russland einen Gottesdienst besucht. Nein, wir waren nicht in einem orthodoxen Gottesdienst (auch wenn ich mir das unbedingt einmal anschauen möchte, wenn ich mehr Russisch kann) und wir waren auch nicht in der "Kirche des Heiligen Stalinismus" (tja, lesen müsste man können. . . nicht wahr, Bettina?), aber dank Stadtführer und Internet haben wir die deutschen evangelischen St. Petri-Gemeinde. Der Gottesdienst dort ist nämlich auf Deutsch (mit Russischen Übersetzungen). Gesungen wird auch aus deutschen Gesangsbüchern nur das außer dem Pfarrer und uns beiden kaum einer den Mund aufgemacht hat. . .

Alle Vögel fliegen hoch!
Die Petrikirche
Für dieses Foto habe ich mir
die Hände abgefroren!


Zum Martinsumzug am Abend sind wir dann aber nicht gegangen, obwohl das bestimmt ein ganz schönes Bild gewesen sein muss: viele Kinder mit bunten Laternen mitten auf dem Newski Prospekt (eine der größten und berühmtesten Straßen hier). Dafür waren wir nochmal zu einem Konzert in der Kirche. Ein entspannter Abend :)
Die Auferstehungskirche bei Nacht
Bettina (ausnahmsweise geht das mal nicht auf mein Konto :D) hat übrigens die Klospülung kaputt gemacht, aber Not macht ja bekanntlich erfinderisch! Auf unsere Idee den Spülknauf mit Strick und Korken zu ersetzen waren wir eigentlich ja schon ganz stolz, aber dann haben wir uns sogar noch selbst übertroffen und hatten im selben Moment die gleiche Idee.
Ich geh zu Bettina ins Zimmer: "Bettinaaaaaa? Eigentlich fehlt da noch. . ." - Bettina dreht sich um, das Papier schon in der Hand. Also: auf Schere & Buntstift - fertig - LOS!
Eine halbe Stunde später. . . das Ergebnis (das ganz und gar KEINE Notlösung mehr ist!):

Unsere liebe Doris!
Nur falls ihr euch fragt, wo in dem ganzen Blogeintrag Sophie bleibt: die hat das Petersburger Nachtleben unsicher gemacht, aber wir haben sie trotzdem lieb! :)

Und vom meinem letzten Fahrdienst am Donnerstag wollte ich euch noch unbedingt erzählen, vor allem weil ich jetzt im Nachinein nur noch drüber lachen kann. Nochmal kurz zur Erklärung: Mittwoch - Freitag holeich immer einen Jungen von zu Hause ab und fahre dann mit ihm zusammen mit dem Sozialtaxi zum Tageszentrum. Die Sozialtaxis sind eigentlich ganz normale Taxis, aber die Eltern müssen für die Fahrt nur ein Viertel des Fahrpreises zahlen. Was für ein Taxi wir da bekommen ist reine Glückssache. . .
Für meine Begriffe furchtbar waghalsig sind die Fahrten eigentlich immer, aber das letzte Taxi war auch in anderer Hinsicht mit Abstand das , das ich bisher hatte:
Es roch seltsam süßlich, die Rückbank war mit einem bunt gemusterten schonbezug bezogen, mit dem ich irgendwie Indien assoziierte, der Boden war die ganze Zeit schummerig blau beleuchtet und dazu passend dröhnte aus dem Radio französische Schauermusik (dunkle Bässe und tiefe Streicher und dazu eine heisere Stimme, die mich in einem leisen Sprechgesang auf französisch zutextete). . . 
Naja, die Musik wurde dann aber noch echt abwechslungsreich. Von englischen Balladen, über die übliche russische Taximusik (die immer ein bisschen wie ein und das selbe Lied nur jedes Mal etwas am Computer überarbeitet klingt) bis hin zu einem doch wieder ziemlich verstörenden deutschen Lied (der Sprechgesang über dem Rhythmuschaos ging ungefähr so: "Super, super gut. Mir geht's super gut. Alles super gut. Super, super gut. . .) war alles dabei.
Und dann war da noch der Fahrtweg. Normalerweise fahren wir immer die gleiche Strecke und sind eine halbe Stunde später da. Ich weiß nicht, in was für eine kleine seitenstraße der Fahrer abgebogen sein muss, jedenfalls sah ich plötzlich rechts und links aus den fenstern nur einen Stacheldrahtzaun. der Rest der Fahrt war nicht mehr so entspannend wie sonst. Ich hatte keinen Plan, wo wir sein konnten und der Fahrer machte auf mich auch nicht den Eindruck. Jedenfalls guckte der ständig (selbstverständlich beim Fahren) in sein Notizbuch und einmal fuhren wir links auf eine dreispurige Straße, doch nach zweihundert Metern überlegte es sich der Fahrer offensichtlich anders und fuhr die Straße bis zur Kreuzung im Rückwärtsgang wieder zurück - ganz lässig. . . 
Gerade als ich mir ein Herz fassen und den Fahrer fragen wollt, ob wir auch wirklich zur "Rjabnowaya" fahren würden, bogen wir rechts ab und wusste ENDLICH, wo wir waren. Zwei Minuten später kamen wir nach der doppelten Fahrzeit heil am Ziel an :D




Mittwoch, 7. November 2012

Was wäre wenn. . .


Im Laufe der nächsten Wochen werden alle Freiwilligen von Perspektivy in 2 Gruppen nach und nach die anderen Projekte besuchen. Heute ging es los mit dem Besuch des Kinderheims für schwer mehrfachbehinderte Kinder in Pawlowsk, das ein wenig außerhalb der Stadt liegt.
Auf Pawlowsk war ich besonders gespannt gewesen, da ich dort ursprünglich arbeiten sollte und mich in Deutschland eigentlich auch schon darauf eingestellt hatte. . .
Der Wecker klingelt, viel früher als sonst, schon um 6. . . Ich frühstücke schnell und dann geht es los. . . Wir (Bettina und ich) fahren mit der fast menschenleere! Rolltreppe nach unten und bekommen in der Metro sogar gleich einen Sitzplatz! Vier Stationen später steigen wir aus und Treffen am Bahnhof Nastia. Weiter geht es mit der Eletritschka, das erste Mal für mich! Nach fast einer Stunde Fahrt geht es noch eine Viertelstunde zu Fuß weiter. Es ist immer noch dunkel und immer noch dieses seltsame Gefühl. Das wäre mein Arbeitsweg gewesen. . .
Wir kommen an ein Pförtnerhäuschen: Passkontrolle (wir stehen schon auf einer Besucherliste) und dann betreten wir das Gelände.
In Pawlowsk leben ca. 350 Kinder in 4 Häusern (Korpussen). Auf den Stationen kümmern sich vor allem Sanitarkas, also ungelernte Pflegerinnen, um die Kinder, füttern und waschen sie, sodass die Kinder aufs Nötigste versorgt sind. Ärzte und Physiotherapeuten gibt es leider nur sehr wenige. Das Kinderheim ist eine staatliche Einrichtung und die Kinder, die hier liegen, gelten als bildungsunfähig und damit auch als förderungsunwürdig. Das wusste ich schon über Pawlows und ich habe es mir damals in Deutschland, als es noch hieß, ich würde dort arbeiten, sehr trist und grau vorgestellt, wahrscheinlich auch, um am Ende nicht zu sehr geschockt zu sein.
Aber an den Fenstern eines Gebäudes, an dem wir vorbeilaufen, kleben bunte Fensterbilder. Das muss das Haus Nr. 4 sein. Hier hat Perspektivy vor mehr als 15 Jahren angefangen zunächst Freiwillige zu holen, die die Kinder wenigstens eine Zeit lang aus den Betten holen und ihnen etwas Zuwendung schenken.
Tatsächlich betreten wir das Haus. Es ist ziemlich alt und es riecht ein bisschen.
Die langen, schmalen Flure sind mintgrün gestrichen und wirken bei dem künstlichen Licht irgendwie etwas unwirklich. Lauter Türen.  Hin und wieder steht eine Tür offen und man sieht durch sie das Gesicht eines kleinen Bewohners. Die Zimmer sind viel heller, wärmer und freundlicher als die Flure und vor allem individueller. . . Jedes Zimmer sieht anders aus: bunte Gardienen, Fensterbilder, große Wandbilder, Herbstblätter und an den Decken Mobiles. Eigentlich ganz in Ordnung. . .
Die Kinder in ihren Betten, Rollstühlen oder auf den Fluren wirken alle so schwach und zerbrechlich und am liebsten würde man alle auf einmal in den Arm nehmen. . .
Die meisten Kinder sind sehr neugierig. Viele freuen sich und lachen uns an, andere beobachten uns nur ganz genau, andere scheinen uns aber auch gar nicht zu bemerken. Und immer wieder kommt ein Kind und spielt kurz mit einem von uns. Immer wieder greift eine kleine Hand nach einer von unseren und möchte mal hochgenommen werden. . .
Welche Veränderungen Perspektivy in diesem Haus schon bewirkt hat, ist wirklich beeindruckend:
In jedem Zimmer, in dem jeweils  5-10 Kinder leben, ist nun ein Freiwilliger und inzwischen gibt es auch ausgebildete Spezialisten von Perspektivy, die die Kinder weiter fördern.
Außerdem gibt es z.B. ein Klassenzimmer in dem die Kinder spielerisch unterrichtet werden,  Kunst- und Musikangebote und einen Snoozelraum.
 Nach dem Rundgang in diesem Haus gehen wir noch ins Haus Nr.2, in dem Perspektivy seit ungefähr einem Jahr arbeitet. Hier ist die Atmosphäre irgendwie anders. . . etwas kühler (was wohl auch daran liegen mag, dass es zur Zeit im unteren Teil keine Heizungen gibt, wie wir etwas später erfahren)
Alles hier ist noch etwas kleiner, etwas weniger bunt und etwas weniger lebhaft. . . Perspektivy wird in der staatlichen Einrichtung eigentlich nur „geduldet“ und kann deshalb nur sehr langsam Neues einführen, aber Pawlowsk ist wohl ein gutes Beispiel dafür, dass man auch mit vielen kleinen Schritten etwas bewegen und verändern kann. . .
Aber sagte ich gerade „weniger lebhaft“? . Naja, da kannte ich ja auch die letzte Gruppe noch nicht.
In dem letzten Zimmer wohnen die aktivsten Kinder, die uns schon in ihren Betten stehen begrüßen. Schnell sind alle Kinder bei uns auf den Armen, nehmen uns Besucher genau unter die Lupe oder laufen mit uns durch den Raum.
Ich weiß noch nicht einmal, wie das Kind hieß, mit dem ich gespielt habe, aber ich werde es bestimmt nicht so schnell vergessen. Wie es sich gefreut hat! Was von diesen Kindern (auch bei uns im Tageszentrum) kommt, ist einfach so ehrlich und unverfälscht und ich mich ertappte mich dabei immer wieder mit einem breiten Grinsen.
Und dann war unser Besuch auch schon wieder vorbei und es ging zurück, wieder mit so einem komischen Gefühl. Vielleicht eine Mischung aus Freude und Traurigkeit. . . Freude noch von dem Lachen der Kinder und ihren kleinen Händen in meinen Haaren; und Traurigkeit, dass diese Kinder so nach Zuwendung betteln müssen und über das was ihre kleinen Augen alles gesehen oder eben NICHT gesehen haben.
Dazu kam eine große Portion Nachdenklichkeit:
Was würden die Kinder alles können, wenn sie dieselben Möglichkeiten gehabt hätten in Deutschland?
Bei uns im Tageszentrum ist ein blinder Junge, der vor einem Jahr aus Pawlowsk adoptiert wurde. Er angefangen zu sprechen und inzwischen kann er auch schon sehr gut mit dem Blindenstock laufen. Vor einem Jahr sah das wohl noch gar nicht danach aus. . .
Und  da ist noch etwas: (Wie)kann es jemanden geben, den die Kinder von Pawlowsk und ihre Ge schichten nicht irgendwie berühren und nachdenklich stimmen?. .
Ich bin froh, Pawlowsk einmal gesehen zu haben, aber ich arbeite auch gerne im Tageszentrum, wo mir inzwischen schon alles sehr vertraut ist.
Anders als vielleicht in Pawlowsk hatte ich dort nicht das Problem, mit so viel Leid konfrontiert zu werden, sondern eher hatte ich zu Anfang fast das Gefühl, dass meine Hilfe hier kann nicht viel nützen würde, fast schon sinnlos sei. Im Zentrum kümmern sich oft 1-2 Betreuer nur um ein Kind, während es in Pawlowsk doch so viele Kinder gibt, die auch meine Zuwendung viel dringender brauchen würden.
In zwischen sehe ich das nicht mehr ganz so.
Die Tageszentren (inzwischen sind es 2) sind ein alleiniges Projekt von Perspektivy. Der Verein hat hier viel mehr Freiheiten und kann die Kinder so betreuen und fördern, wie er es für richtig und notwendig hält. Ich glaube, das Tageszentrum kann sich durchaus neben einer Behinderteneinrichtung in Deutschland sehen lassen. . .
Die Kinder im Tageszentrum sollten nicht auf einen solchen Standard verzichten müssen, vielmehr sollten ALLE Kinder diese Chance erhalten!
Und wer weiß? Vielleicht sehen die (verantwortlichen) Menschen hier, einmal eines der Kinder aus dem Tageszentrum, denken einmal um und verstehen es dann, dass es für all die Kinder (in Pawlowsk) doch noch eine Perspektive gibt! Und hoffentlich wird es dann in naher Zukunft viel mehr solcher Projekte in Russland geben!